Hallo, ich bin Kyra.
Wie unschwer zu erkennen ist bin ich das Schönste, Klügste, Aufmerksamste, Liebste und überhaupt, was die Hundewelt zur Zeit zu bieten hat.
Nicht ganz so leicht zu erkennen ist, daß ich auch das Verfressendste, Ausgefuchsteste und Sturste bin. Aber das interessiert ja sowieso nur mein Herrchen - ist also nicht so wichtig und sei daher nur am Rande erwähnt.
Geangelt hab ich mir mein Herrchen an einem wunderschönen Mai-Sonntag anno 2001, als er leichtsinnigerweise direkt vor meinem Zwinger im Erfurter Tierheim stehenblieb.
Schlagartig tiefste Demut, Hilflosigkeit und absolute Vertrauenswürdigkeit vorzutäuschen ist nicht so ganz einfach wenn man sich zwei Minuten vorher noch auf das Heftigste mit dem Zwingergenossen um den besten Platz in der Sonne gezofft hat - aber ich habe es geschafft.
Ich gebe zu, meine Verletzungen aus der letzten - nun sagen wir mal - Meinungsverschiedenheit mit einer gewissen Schäferzicke untermalten das Gesamtbild eines hilf- und perspektivlosen Vierbeiners, der, zumal halb Stafford, halb Rottweiler wohl nie wieder leberwurstbrotheischend vor einem gedeckten Frühstückstisch hätte sabbernd die Wohnung überschwemmen dürfen, geschweige denn eine weiche Couch okkupieren.
Wobei ich mir das Frohlocken ob der geglückten Inbesitznahme dieses meinen neuen Herrchens nicht ganz verkneifen konnte, wohl aber geschickt zu überspielen verstand.
Was meinen neuen Spielgefährten hätte stutzig machen müssen ist die Tatsache, daß er mich sofort mit zu sich nach Hause nehmen durfte. Offensichtlich froh, mich endlich loszuwerden, verlangte der Tierheim-Zweibeiner von ihm nur ein paar ziemlich übelriechende Zettelchen und was Gemaltes; drückte ihm die Leine mit mir am anderen Ende in die Hand und komplimentierte uns mit vielen guten Wünschen und einem erleichterten Grinsen (bei dem alle Zähne gezeigt wurden!!!!) hinaus in die andere Welt.
Nun, klug wie ich bin hatte ich natürlich sofort begriffen, daß mein neuer Freund noch ziemlich unverdorben war, völlig unvoreingenommen, stets bemüht alles richtig zu machen - kurz gesagt - leicht erziehbar.
Während der folgenden Prägungs- und Sozialisierungsphase habe ich ihn mir zu einem äußerst angenehmen Rudelkumpel erzogen, der fast widerspruchslos alles mit mir teilt. Selten auftretende Differenzen um die Schlafplatzordnung, die Futterzuteilung oder die Pflege sozialer Kontakte werden meinerseits geduldig ausgesessen in dem sicheren Wissen um die bedingungslose Ergebenheit und absolute Loyalität meines Menschen.
Kleiner Insidertip für 4Beiner: Den Zweibeiner immer in dem Glauben lassen, er sei der Chef. Behutsames
Taktieren und unauffälliges Lenken in die gewünschte Richtung ist allemal besser als jegliche Unmutsäußerung.
(Nachzulesen auch in meinem kürzlich im ErKyV erschienenen Ratgeber: "So prägst Du Deinen Menschen")
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